Sünde

Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner
(Lk 18,9–14)

„Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.” (Lk 18,9–14)

Dieses Gleichnis offenbart vier verschiedene Gesichter der Sünde, die gerade bei frommen Menschen leicht übersehen werden.


Vier Arten der Sünde im Gleichnis

1. Die Sünde der Bilanzierung

Der Pharisäer führt eine innere Abrechnung seiner guten Taten: zweimal Fasten pro Woche, der Zehnte von allem.
Er rechnet mit Gott ab wie mit einem Geschäftspartner.
Doch Gottes Gnade lässt sich nicht verdienen – sie wird empfangen.
Die Sünde der Bilanzierung täuscht uns, weil sie sich so tugendhaft anfühlt.

2. Die Sünde des Vergleichens

„Ich danke dir, dass ich nicht bin wie die andern.” Der Pharisäer braucht andere Menschen als Maßstab für seine eigene Frömmigkeit.
Doch Gottes Maßstab ist kein Mensch – es ist Gott selbst.
Sobald wir uns mit anderen vergleichen, um uns besser zu fühlen, haben wir das Ziel verfehlt.

3. Die Sünde des Irdischen

Die frommen Taten des Pharisäers - Fasten, Zehnten geben - sind an sich gut.
Aber er bleibt beim Äußeren, beim Sichtbaren, beim Messbaren.
Das Herz bleibt unberührt.
Sünde ist nicht nur das offensichtlich Böse; sie kann sich auch in der Fixierung auf das Irdische verbergen.

4. Die Sünde des Hochmuts

Der Hochmut ist die Mutter aller Sünden.
Der Pharisäer erhebt sich – und genau deshalb wird er erniedrigt.
Der Zöllner erniedrigt sich – und wird erhöht.
Jesus kehrt die Logik der Welt um: Wer sich selbst rechtfertigt, steht vor Gott nicht gerecht da.


Was bedeutet „Sünde” in der Bibel?

Die Bibel verwendet verschiedene Begriffe, um die Vielschichtigkeit der Sünde auszudrücken:

Das hebräische chata und das griechische hamartia bedeuten wörtlich das „Verfehlen des Zieles” – wie ein Bogenschütze, der die Scheibe nicht trifft. Sünde ist demnach zunächst ein Scheitern am Maßstab Gottes.

Darüber hinaus bezeichnet pesha (hebr.) die aktive Auflehnung gegen Gottes Autorität, avon (hebr.) eine innere Verdrehtheit oder Verderbtheit des Herzens, und das griechische anomia meint Gesetzlosigkeit – die bewusste Missachtung von Gottes Geboten (vgl. 1. Joh 3,4).
Schließlich beschreibt nbl / kesil (hebr.) die Torheit als einen Mangel an Weisheit, der zur Sünde führt.

Die Bibel unterscheidet dabei zwischen der Sünde als dem verfehlten Grundzustand des Menschen (Einzahl) und den Sünden als konkreten einzelnen Vergehen (Mehrzahl).


Sechzehn biblische Grundaussagen zur Sünde

Die folgende Übersicht fasst die zentralen Aussagen der Schrift zum Thema Sünde zusammen.

1. Sünde ist Verfehlung des Zieles. Das griechische hamartia bezeichnet das Nicht-Treffen – ein Bild, das die Grundnatur der Sünde treffend beschreibt.

2. Sünde ist die anthropologische Grundbestimmung des Menschen.

Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
(Röm 3,22–24)

3. Die Sünde kommt vom Teufel.

Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
(1. Joh 3,8)

4. Die Sünde betrügt.

„Ermahnt euch selbst alle Tage, solange es ›heute‹ heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde.
(Hebr 3,12–13)

Die Sünde verspricht Erfüllung und bringt Leere – das ist ihr Betrug.

5. Die Sünde wird verleugnet.

“Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.”
(1. Joh 1,8–9)

6. Die Sünde wird häufig nicht erkannt.

“Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen Sünden!”
(Ps 19,13)

Manches, was wir für selbstverständlich halten, ist in Gottes Augen Sünde.

7. Die Sünde hält den Segen Gottes zurück.

“Eure Sünden halten das Gute von euch fern.”
(Jer 5,25)

8. Sünde ist Sünde – Quantität spielt vor Gott keine Rolle.

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Du sollst nicht ehebrechen.‹ Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
(Mt 5,27–28)

Jesus verschärft das Gesetz, weil er auf das Herz schaut, nicht auf die Tat.

9. Die Sünde ist eine Macht.

„Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.”
(Röm 7,18–20)

Paulus beschreibt die Sünde nicht als bloße Entscheidung, sondern als Macht, der der Mensch aus eigener Kraft nicht entrinnen kann.

10. Das Endergebnis der Sünde ist der Tod.

“Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.”
(Röm 5,12)

11. Kein Mensch kann sich selbst von Sünde reinigen.

“Wenn du dich auch mit Lauge wüschest und nähmest viel Seife dazu, so bleibt doch der Schmutz deiner Schuld vor mir, spricht Gott der Herr.”
(Jer 2,22)

12. Gegen die Macht der Sünde hilft nur Jesus Christus.

„Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus unserem Herrn.”
(Röm 6,23)

13. Das Wort Gottes bewahrt vor Sünde.

„Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige.” (Ps 119,11)

14. Die Furcht des Herrn hält von Sünde ab.

„Durch die Furcht des Herrn meidet man das Böse.” (Spr 16,6)

15. Der Heilige Geist überführt den Menschen der Sünde.

„Wenn der Tröster kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht.” (Joh 16,8)

16. Das Heilmittel gegen die Sünde ist das Blut Jesu.

„Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.” (1. Joh 1,7)


Der Weg aus der Sünde: Buße nach Jona 3,1–10

Die Bibelstunde schloss mit einem Blick auf den Propheten Jona und die Stadt Ninive – eine Geschichte der echten Buße.

„Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.” (Jona 3,4–5)

Drei Bewegungen der Buße werden sichtbar:

  1. tut eine ganze Stadt Buße – vom einfachen Volk bis zu den Mächtigen.
    Buße ist keine Privatsache; sie kann eine Gemeinschaft erfassen und verwandeln.

  2. tut ein Politiker Buße.
    Der König von Ninive steht von seinem Thron auf, legt seinen Purpur ab, hüllt sich in den Sack und setzt sich in die Asche.
    Er demütigt sich öffentlich. Macht schützt nicht vor der Notwendigkeit der Buße.

  3. steht im Hintergrund Jona selbst, der Mann Gottes – der selbst auf seinem eigenen Bußweg war.
    Kein Verkündiger steht außerhalb des Themas, das er predigt.

Das Ergebnis ist ermutigend:\

„Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.”* (Jona 3,10)\

Buße verändert nicht nur den Menschen
sie bewegt auch das Herz Gottes.

Fazit

Die Bibel zeichnet ein vielschichtiges, ehrliches Bild der Sünde:
Sie ist nicht nur das offensichtlich Böse, sondern auch das Subtile Hochmut, Vergleiche, Selbstgerechtigkeit.
Sie ist nicht nur eine schlechte Entscheidung, sondern eine Macht.
Und sie hat nur ein Heilmittel: die Gnade Gottes in Jesus Christus, dessen Blut uns von aller Sünde reinigt (1. Joh 1,7).

Der Zöllner im Gleichnis hatte nur einen Satz:

„Gott, sei mir Sünder gnädig!”

und dieser eine Satz war genug.
Er ging gerechtfertigt nach Hause.

Ein Aufruf zur Buße

“Heiliger Geist, gib mir Weisheit meine Sünde zu erkennen und zeige mir auch meine versteckten Sünden. Schenke mir ein aufrichtiges ungeteiltes Herz als Jünger und Nachfolger von dir Jesus. Bei dir gibt es keine Gütertrennung. Ich möchte dir immer ähnlicher werden, damit ich dir immer ähnlicher werden und der Sünde keinen Raum mehr geben. In Jesu Namen. Amen.”